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Verfassung
des Kantons Waadt

Übersetzung 1

vom 14. April 2003 (Stand am 11. März 2020) 2

1 Der Text ind der französischen Originalsprache findet sich unter der gleichen Nummer in der entsprechen­den Ausgabe dieser Sammlung.

2 Diese Veröffentlichung basiert auf jenen der Änderungen im Rahmen der Gewährleis-tungsbotschaften im BBl. Sie kann vorübergehend von der Veröffentlichung in der kantonalen Gesetzessammlung abweichen. Der Stand bezeichnet daher das Datum des letzten im BBl veröffentlichten Gewährleistungsbeschlusses der Bundesversammlung.

Im Bestreben, die Entfaltung des Einzelnen in einer harmonischen Gesellschaft
zu fördern,

welche die Schöpfung als Wiege der kommenden Generationen achtet,

für die Welt offen ist und sich mit ihr verbunden fühlt,

ihre Stärke an der Fürsorge misst, die sie ihrem schwächsten Mitglied angedeihen lässt, und den Staat als Ausdruck ihres Willens sieht,

gibt sich das Volk des Kantons Waadt folgende Verfassung:

I. Titel: Allgemeine Bestimmungen und Grundsätze

Art. 1  

1 Der Kan­ton Waadt ist ein de­mo­kra­ti­sches Staats­we­sen, das auf Frei­heit, Ver­ant­wor­tung, So­li­da­ri­tät und Ge­rech­tig­keit ge­grün­det ist.

2 Das Volk ist sou­ve­rän. Das Stimm- und Wahl­recht ist die ein­zi­ge un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Quel­le der Staats­ge­walt.

3 Der Kan­ton Waadt ist ein Glied­staat der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft.

4 Er hat sämt­li­che Be­fug­nis­se, aus­ge­nom­men die­je­ni­gen, wel­che die Bun­des­ver­fas­sung dem Bund über­trägt.

5 Er setzt sich aus Ge­mein­den zu­sam­men und ist in Be­zir­ke un­ter­teilt.

Art. 2  

1 Das Kan­tons­wap­pen be­steht aus ei­nem weiss-grü­nen Schild mit der In­schrift «Li­ber­té et Pa­trie» («Frei­heit und Va­ter­land»).

2 Das Kan­tons­wap­pen stellt sich wie folgt dar: von Weiss und Grün ge­teilt, oben die in drei Zei­len an­ge­ord­ne­ten Wor­te «Li­ber­té et Pa­trie» in gol­de­nen schwarz um­rän­der­ten Let­tern.

Art. 3  

Die Amtss­pra­che des Kan­tons ist Fran­zö­sisch.

Art. 4  

Die Kan­tons­haupt­stadt ist Lau­san­ne.

Art. 5  

1 Der Kan­ton ar­bei­tet mit dem Bund, den üb­ri­gen Kan­to­nen, den Nach­bar­re­gio­nen und mit den an­de­ren Staa­ten oder ih­ren Be­völ­ke­run­gen zu­sam­men. Er ist of­fen ge­gen­über Eu­ro­pa und der Welt.

2 Der Staat be­tei­ligt sich an der Schaf­fung in­ter­kan­to­na­ler oder in­ter­na­tio­na­ler In­sti­tu­tio­nen un­ter Ach­tung der In­ter­es­sen der lo­ka­len und re­gio­na­len Ge­mein­schaf­ten; er för­dert die Zu­sam­men­ar­beit un­ter Ge­mein­den.

Art. 6  

1 Der Staat setzt sich zum Ziel:

a.
das Ge­mein­wohl und den kan­to­na­len Zu­sam­men­halt;
b.
die har­mo­ni­sche Ein­bin­dung des Ein­zel­nen in die Ge­sell­schaft;
c.
die Er­hal­tung der phy­si­schen Le­bens­grund­la­gen und die nach­hal­ti­ge Be­wah­rung der na­tür­li­chen Res­sour­cen;
d.
den Schutz der In­ter­es­sen der kom­men­den Ge­ne­ra­tio­nen.

2 Der Staat ach­tet in sei­nem Han­deln dar­auf, dass:

a.
Wür­de, Rech­te und Frei­hei­ten der Per­so­nen ge­schützt sind;
b.
die öf­fent­li­che Ord­nung ge­wahrt ist;
c.
Ge­rech­tig­keit und Frie­den durch­ge­setzt und die Be­mü­hun­gen zur Kon­flikt­ver­hü­tung un­ter­stützt wer­den;
d.
die Fa­mi­lie als Grund­bau­stein der Ge­sell­schaft an­er­kannt ist;
e.
Frau­en und Män­ner in den Be­hör­den aus­ge­wo­gen ver­tre­ten sind.
Art. 7  

1 Grund­la­ge und Gren­ze staat­li­chen Han­delns ist das Recht.

2 Staat­li­ches Han­deln ist frei von Will­kür; es muss im öf­fent­li­chen In­ter­es­se lie­gen und ver­hält­nis­mäs­sig sein. Es ist nach Treu und Glau­ben und auf trans­pa­ren­te Wei­se aus­zuü­ben.

3 Je­des staat­li­che Han­deln be­ach­tet das über­ge­ord­ne­te Recht.

Art. 8  

1 Je­de na­tür­li­che oder ju­ris­ti­sche Per­son ist für sich selbst ver­ant­wort­lich und nimmt ih­re Ver­ant­wor­tung ge­gen­über den an­de­ren wahr.

2 Sie trägt zum gu­ten Funk­tio­nie­ren der Ge­mein­schaft bei, in der sie lebt, und über­nimmt ih­re Mit­ver­ant­wor­tung, um den kom­men­den
Ge­ne­ra­tio­nen die Mög­lich­keit zu ge­währ­leis­ten, über ih­re Zu­kunft eben­falls selbst zu be­stim­men.

3 Sie über­nimmt ih­re Mit­ver­ant­wor­tung, in­dem sie die öf­fent­li­chen Gel­der und die da­mit fi­nan­zier­ten Dienst­leis­tun­gen an­ge­mes­sen in An­spruch nimmt.

II. Titel: Grundrechte

Art. 9  

Die Wür­de des Men­schen ist zu ach­ten und zu schüt­zen.

Art. 10  

1 Al­le Men­schen sind vor dem Ge­setz gleich.

2 Nie­mand darf dis­kri­mi­niert wer­den, na­ment­lich nicht we­gen der Her­kunft, des Ge­schlechts, des Al­ters, der Spra­che, der so­zia­len Stel­lung, des Zi­vil­stands, der Le­bens­form, ge­ne­ti­scher Merk­ma­le, des Aus­se­hens, der Be­hin­de­rung, der ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen oder Mei­nun­gen.

3 Frau und Mann sind gleich­be­rech­tigt. Das Ge­setz sorgt für ih­re recht­li­che und tat­säch­li­che Gleich­stel­lung, vor al­lem in Fa­mi­lie, Aus­bil­dung und Ar­beit.

4 Frau und Mann ha­ben An­spruch auf glei­chen Lohn für gleich­wer­ti­ge Ar­beit.

Art. 11  

Je­de Per­son hat An­spruch dar­auf, von den Be­hör­den oh­ne Will­kür und nach Treu und Glau­ben be­han­delt zu wer­den.

Art. 12  

1 Je­der Mensch hat das Recht auf Le­ben. Die To­dess­tra­fe ist ver­bo­ten.

2 Je­der Mensch hat das Recht auf per­sön­li­che Frei­heit, ins­be­son­de­re auf kör­per­li­che und geis­ti­ge Un­ver­sehrt­heit und auf Be­we­gungs­frei­heit.

3 Fol­ter und je­de an­de­re Art grau­sa­mer, un­mensch­li­cher oder er­nied­ri­gen­der Be­hand­lung oder Be­stra­fung sind ver­bo­ten.

Art. 13  

1 Je­des Kind und je­der Ju­gend­li­che hat An­spruch auf be­son­de­ren Schutz sei­ner kör­per­li­chen und geis­ti­gen Un­ver­sehrt­heit und auf För­de­rung sei­ner Ent­wick­lung.

2 Kin­der und Ju­gend­li­che üben ih­re Rech­te nach Mass­ga­be ih­rer
Ur­teils­fä­hig­keit selbst oder an­dern­falls über ei­ne Ver­tre­tung aus.

Art. 14  

1 Das Recht auf Ehe ist ge­währ­leis­tet.

2 Das Recht, ei­ne an­de­re Form des Zu­sam­men­le­bens zu wäh­len, ist an­er­kannt.

3 Das Recht, ei­ne Fa­mi­lie zu grün­den, ist ge­währ­leis­tet.

Art. 15  

1 Je­de Per­son hat An­spruch auf Ach­tung und Schutz ih­res Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens, ih­rer Woh­nung, ih­res Brief- so­wie ih­res Fern­mel­de­ver­kehrs.

2 Je­de Per­son hat An­spruch auf Schutz vor miss­bräuch­li­cher Ver­wen­dung von Da­ten, die sie be­tref­fen. Die­ses Recht um­fasst:

a.
die Ein­sicht in die­se Da­ten;
b.
die Be­rich­ti­gung un­rich­ti­ger Da­ten;
c.
die Ver­nich­tung un­ge­eig­ne­ter oder un­nö­ti­ger Da­ten.
Art. 16  

1 Die Glau­bens- und Ge­wis­sens­frei­heit ist ge­währ­leis­tet.

2 Je­de Per­son hat das Recht, ih­re Re­li­gi­on und ih­re welt­an­schau­li­che Über­zeu­gung frei zu wäh­len und al­lein oder in Ge­mein­schaft mit an­de­ren zu be­ken­nen.

3 Je­de Per­son hat das Recht, der Ge­mein­schaft ih­rer Wahl bei­zu­tre­ten oder sie zu ver­las­sen.

4 Zwang, Macht­miss­brauch oder Ma­ni­pu­la­ti­on in Glau­bens- und
Ge­wis­sens­fra­gen sind ver­bo­ten.

Art. 17  

1 Die Mei­nungs- und In­for­ma­ti­ons­frei­heit ist ge­währ­leis­tet.

2 Sie um­fasst:

a.
das Recht, die ei­ge­ne Mei­nung frei zu bil­den, sie un­ge­hin­dert zu äus­sern und zu ver­brei­ten oder sich ei­ner Mei­nung zu ent­hal­ten;
b.
das Recht, In­for­ma­tio­nen frei zu emp­fan­gen, aus all­ge­mein zu­gäng­li­chen Quel­len zu be­schaf­fen und zu ver­brei­ten;
c.
das Recht, amt­li­che Un­ter­la­gen ein­zu­se­hen, so­weit kein über­wie­gen­des öf­fent­li­ches oder pri­va­tes In­ter­es­se ent­ge­gen­steht.
Art. 18  

Die Frei­heit der Kunst ist ge­währ­leis­tet.

Art. 19  

Die Frei­heit der wis­sen­schaft­li­chen For­schung und Leh­re ist ge­währ­leis­tet.

Art. 20  

Die Frei­heit der Me­di­en und das Re­dak­ti­ons­ge­heim­nis sind ge­währ­leis­tet.

Art. 21  

1 Je­de Per­son hat das Recht, ei­ne Ver­samm­lung oder ei­ne Kund­ge­bung zu or­ga­ni­sie­ren und dar­an teil­zu­neh­men. Nie­mand darf da­zu ge­zwun­gen wer­den.

2 Das Ge­setz oder ein Ge­mein­de­re­gle­ment kann Kund­ge­bun­gen auf öf­fent­li­chem Grund ei­ner Be­wil­li­gungs­pflicht un­ter­stel­len.

3 Der Staat und die Ge­mein­den dür­fen Kund­ge­bun­gen ver­bie­ten oder ein­schrän­ken, wenn die öf­fent­li­che Ord­nung be­droht ist.

Art. 22  

1 Je­de Per­son hat das Recht, ei­ne Ver­ei­ni­gung zu bil­den, ihr an­zu­ge­hö­ren und sich an ih­ren Tä­tig­kei­ten zu be­tei­li­gen.

2 Nie­mand darf da­zu ge­zwun­gen wer­den.

Art. 23  

1 Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit ist ge­währ­leis­tet.

2 Nie­mand darf we­gen sei­ner Mit­glied­schaft oder Tä­tig­keit in ei­ner Ar­beit­neh­mer- oder Ar­beit­ge­ber­or­ga­ni­sa­ti­on be­nach­tei­ligt wer­den.

3 Nie­mand darf ge­zwun­gen wer­den, ei­ner Ar­beit­neh­mer- oder Ar­beit­ge­ber­or­ga­ni­sa­ti­on bei­zu­tre­ten.

4 Streik und Aus­sper­rung sind zu­läs­sig, wenn sie die Ar­beits­be­zie­hun­gen be­tref­fen und wenn kei­ne Ver­pflich­tun­gen ent­ge­gen­ste­hen, den Ar­beits­frie­den zu wah­ren oder Schlich­tungs­ver­hand­lun­gen zu füh­ren.

5 Das Ge­setz kann die­se Rech­te be­gren­zen, um Min­dest­dienst­leis­tun­gen si­cher­zu­stel­len.

Art. 24  

Die Nie­der­las­sungs­frei­heit ist ge­währ­leis­tet.

Art. 25  

1 Das Ei­gen­tum ist ge­währ­leis­tet.

2 Ent­eig­nun­gen und Ei­gen­tums­be­schrän­kun­gen, die ei­ner Ent­eig­nung gleich­kom­men, wer­den voll ent­schä­digt.

Art. 26  

1 Die Wirt­schafts­frei­heit ist ge­währ­leis­tet.

2 Sie um­fasst ins­be­son­de­re die freie Wahl des Be­ru­fes so­wie den frei­en Zu­gang zu ei­ner pri­vat­wirt­schaft­li­chen Er­werbs­tä­tig­keit und de­ren freie Aus­übung.

Art. 27  

1 Je­de Per­son hat in Ver­fah­ren vor Ge­richts- und Ver­wal­tungs­in­stan­zen An­spruch auf glei­che und ge­rech­te Be­hand­lung so­wie auf Be­ur­tei­lung in­nert an­ge­mes­se­ner Frist.

2 Die Par­tei­en ha­ben in je­dem Ver­fah­ren An­spruch auf recht­li­ches Ge­hör, auf Ak­ten­ein­sicht und auf einen be­grün­de­ten Ent­scheid mit Rechts­mit­tel­be­leh­rung.

3 Je­de Per­son, die nicht über die er­for­der­li­chen Mit­tel ver­fügt, hat un­ter den im Ge­setz ge­re­gel­ten Be­din­gun­gen An­spruch auf Rechts­bei­stand.

Art. 28  

Je­de Per­son, de­ren Sa­che in ei­nem ge­richt­li­chen Ver­fah­ren be­ur­teilt wer­den muss, hat An­spruch auf ein durch Ge­setz ge­schaf­fe­nes, un­ab­hän­gi­ges und un­par­tei­isches Ge­richt.

Art. 29  

1 Je­de Per­son gilt als un­schul­dig, so­lan­ge sie nicht rechts­kräf­tig ver­ur­teilt wor­den ist.

2 Je­de an­ge­klag­te Per­son hat An­spruch dar­auf, mög­lichst rasch und um­fas­send in ei­ner ihr ver­ständ­li­chen Spra­che über die ge­gen sie er­ho­be­nen Be­schul­di­gun­gen und die ihr zu­ste­hen­den Rech­te un­ter­rich­tet zu wer­den.

3 Je­de Per­son, die in ein Straf­ver­fah­ren in­vol­viert ist, hat An­spruch auf Rechts­bei­stand, so­fern dies zur Wah­rung ih­rer In­ter­es­sen er­for­der­lich ist.

Art. 30  

1 Die Frei­heit darf ei­ner Per­son nur in den vom Ge­setz selbst vor­ge­se­he­nen Fäl­len und nur auf die im Ge­setz vor­ge­schrie­be­ne Wei­se ent­zo­gen wer­den.

2 Je­de Per­son, der die Frei­heit ent­zo­gen wird, hat An­spruch dar­auf, un­ver­züg­lich und in ei­ner ihr ver­ständ­li­chen Spra­che über die Grün­de des Frei­heits­ent­zugs und über ih­re Rech­te un­ter­rich­tet zu wer­den. Sie muss ih­re Rech­te gel­tend ma­chen kön­nen. Sie hat ins­be­son­de­re das Recht, ih­re nächs­ten An­ge­hö­ri­gen so­wie zu be­nach­rich­ti­gen­de Drit­te in­for­mie­ren zu las­sen.

3 Je­de Per­son, die in Haft ge­nom­men wird, hat An­spruch dar­auf, in­ner­halb von vier­und­zwan­zig Stun­den ei­ner Ge­richts­be­hör­de vor­ge­führt zu wer­den. Die in­haf­tier­te Per­son hat An­spruch dar­auf, in­nert an­ge­mes­se­ner Frist ver­ur­teilt oder frei­ge­las­sen zu wer­den.

4 Je­de Per­son, der die Frei­heit nicht von ei­nem Ge­richt ent­zo­gen wird, hat das Recht, je­der­zeit ein Ge­richt an­zu­ru­fen. Die­ses ent­schei­det so rasch wie mög­lich über die Recht­mäs­sig­keit des Frei­heits­ent­zugs.

5 Je­de Per­son, die we­gen ei­nes un­ge­recht­fer­tig­ten Frei­heits­ent­zugs
einen Nach­teil er­lei­det, hat An­spruch auf vol­le Ent­schä­di­gung.

Art. 31  

1 Je­de Per­son hat das Recht, Pe­ti­tio­nen an Be­hör­den zu rich­ten und da­für Un­ter­schrif­ten zu sam­meln; es dür­fen ihr dar­aus kei­ne Nach­tei­le er­wach­sen.

2 Die Be­hör­den prü­fen die an sie ge­rich­te­ten Pe­ti­tio­nen. Die ge­setz­ge­ben­den und die voll­zie­hen­den Be­hör­den sind ver­pflich­tet, sie zu be­ant­wor­ten.

Art. 32  

Je­de Per­son ist frei, ih­re po­li­ti­schen Rech­te aus­zuü­ben; es dür­fen ihr dar­aus kei­ne Nach­tei­le er­wach­sen.

Art. 33  

Je­de be­dürf­ti­ge Per­son hat An­spruch auf ei­ne an­ge­mes­se­ne Not­woh­nung und auf die Mit­tel, die für ein men­schen­wür­di­ges Da­sein un­er­läss­lich sind.

Art. 34  

1 Je­de Per­son, die in Not ist, hat An­spruch auf me­di­zi­ni­sche Grund­ver­sor­gung und auf den not­wen­di­gen Bei­stand.

2 Je­de Per­son hat das Recht, in Wür­de zu ster­ben.

Art. 35  

Je­de Frau hat An­spruch auf ma­te­ri­el­le Si­cher­heit vor und nach der Nie­der­kunft.

Art. 36  

1 Je­des Kind hat An­spruch auf aus­rei­chen­den und in den öf­fent­li­chen Schu­len un­ent­gelt­li­chen Grund­schul­un­ter­richt.

2 Es hat An­spruch auf ei­ne Er­zie­hung und einen Un­ter­richt, wel­che die Ent­fal­tung sei­ner Fä­hig­kei­ten und sei­ne so­zia­le In­te­gra­ti­on för­dern.

3 Die freie Wahl des Un­ter­richts ist an­er­kannt.

Art. 37  

Je­de Per­son, die nicht über die per­sön­li­chen oder fa­mi­li­ären Res­sour­cen ver­fügt, die für ei­ne an­er­kann­te ers­te Be­rufs­bil­dung not­wen­dig sind, hat An­spruch auf staat­li­che Hil­fe.

Art. 38  

1 Ein­schrän­kun­gen von Grund­rech­ten be­dür­fen ei­ner ge­setz­li­chen Grund­la­ge. Schwer­wie­gen­de Ein­schrän­kun­gen müs­sen im Ge­setz selbst vor­ge­se­hen sein. Aus­ge­nom­men sind Fäl­le erns­ter, un­mit­tel­ba­rer und nicht an­ders ab­wend­ba­rer Ge­fahr.

2 Ein­schrän­kun­gen von Grund­rech­ten müs­sen durch ein öf­fent­li­ches In­ter­es­se oder durch den Schutz von Grund­rech­ten Drit­ter ge­recht­fer­tigt sein.

3 Sie müs­sen ver­hält­nis­mäs­sig sein.

4 Der Kern­ge­halt der Grund­rech­te ist un­an­tast­bar.

III. Titel: Aufgaben und Verantwortung des Staates und der Gemeinden

1. Kapitel: Grundsätze

Art. 39  

1 Der Staat und die Ge­mein­den neh­men die öf­fent­li­chen Auf­ga­ben wahr.

2 Un­ter Be­rück­sich­ti­gung der in­di­vi­du­el­len In­itia­ti­ve und Ver­ant­wor­tung er­fül­len sie die Auf­ga­ben, die ih­nen Ver­fas­sung und Ge­setz über­tra­gen.

3 Un­ter ih­rer Ver­ant­wor­tung kön­nen sie ge­wis­se Auf­ga­ben de­le­gie­ren.

Art. 40  

Der Staat und die Ge­mein­den han­deln um­sich­tig und nach den Grund­sät­zen der Gleich­heit, der Zu­gäng­lich­keit, der Qua­li­tät, der Zweck­mäs­sig­keit und der Kon­ti­nui­tät.

Art. 41  

Staat und Ge­mein­den in­for­mie­ren die Be­völ­ke­rung über ih­re Tä­tig­keit ge­mä­ss dem Öf­fent­lich­keits­prin­zip.

2. Kapitel: Justiz, Mediation und Sicherheit

Art. 42  

Der Staat ga­ran­tiert je­der Per­son ei­ne um­sich­ti­ge, un­ab­hän­gi­ge und zu­gäng­li­che Jus­tiz.

Art. 43  

1 Der Staat rich­tet ei­ne un­ab­hän­gi­ge Om­buds­stel­le ein. Die ver­ant­wort­li­che Om­buds­per­son wird vom Gros­sen Rat ge­wählt.

2 Der Staat kann die Me­dia­ti­on zwi­schen Pri­va­ten för­dern.

Art. 44  

1 Der Staat hat in den Schran­ken sei­ner Be­fug­nis­se das öf­fent­li­che Ge­walt­mo­no­pol in­ne.

2 Der Staat und die Ge­mein­den ge­währ­leis­ten die öf­fent­li­che Ord­nung so­wie die Si­cher­heit von Per­so­nen und Sa­chen.

3. Kapitel: Unterricht und Bildung

Art. 45  

1 In Zu­sam­men­ar­beit mit den Ge­mein­den or­ga­ni­siert und fi­nan­ziert der Staat den öf­fent­li­chen Un­ter­richt.

2 Die­ser Un­ter­richt ist po­li­tisch und kon­fes­sio­nell neu­tral.

Art. 46  

1 Der Grund­schul­un­ter­richt ist ob­li­ga­to­risch und in den öf­fent­li­chen Schu­len un­ent­gelt­lich.

2 Er för­dert die per­sön­li­che Ent­wick­lung und die so­zia­le In­te­gra­ti­on; er be­rei­tet auf das Be­rufs­le­ben und die staats­bür­ger­li­che Ver­ant­wor­tung vor.

3 Er ist auf Wis­sens­ver­mitt­lung und Wis­sen­s­er­werb aus­ge­rich­tet; er um­fasst auch hand­werk­li­che, sport­li­che und künst­le­ri­sche Fä­cher.

4 Die Schu­le ge­währ­leis­tet in Zu­sam­men­ar­beit mit den El­tern die Aus­bil­dung der Kin­der. Die Schu­le un­ter­stützt die El­tern in ih­rer Er­zie­hungs­auf­ga­be.

Art. 47  

Der Staat or­ga­ni­siert den hö­he­ren Se­kun­dar­schul­un­ter­richt und die
ers­te Be­rufs­bil­dung.

Art. 48  

1 Der Staat ge­währ­leis­tet den Hoch­schul­un­ter­richt so­wie die Leh­re auf Ter­ti­är­stu­fe.

2 Er för­dert die wis­sen­schaft­li­che For­schung.

3 Er för­dert die Zu­sam­men­ar­beit von Wirt­schafts­krei­sen und Pri­va­ten mit Hoch­schu­len und öf­fent­li­chen For­schungs­in­sti­tu­ten und be­ach­tet da­bei de­ren ethi­sche und wis­sen­schaft­li­che Un­ab­hän­gig­keit.

Art. 49  

1 Der Staat för­dert die Fort- und Wei­ter­bil­dung.

2 Er er­greift die er­for­der­li­chen Mass­nah­men, da­mit al­le Er­wach­se­nen sich Kennt­nis­se und ei­ne ers­te Be­rufs­bil­dung an­eig­nen kön­nen.

Art. 50  

Der Staat kann als ge­mein­nüt­zig an­er­kann­te pri­va­te Ein­rich­tun­gen, wel­che den staat­li­chen Un­ter­richt er­gän­zen­de Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten an­bie­ten, un­ter­stüt­zen.

Art. 51  

1 Der Staat sorgt da­für, dass der öf­fent­li­che Un­ter­richt, der in Ar­ti­kel 50 um­schrie­be­ne pri­va­te Un­ter­richt und die Be­rufs­bil­dung al­len zu­gäng­lich sind.

2 Er er­lässt ei­ne Re­ge­lung für Sti­pen­di­en und an­de­re Aus­bil­dungs­bei­hil­fen.

4. Kapitel: Natur- und Kulturerbe, Umwelt, Kultur und Sport

Art. 52  

1 Der Staat be­wahrt, schützt, be­rei­chert und för­dert das na­tür­li­che und das kul­tu­rel­le Er­be.

2 Der Staat und die Ge­mein­den be­wah­ren die na­tür­li­che Um­welt und über­wa­chen de­ren Ent­wick­lung.

3 Sie be­kämp­fen je­de Form von Ver­schmut­zung, die den Men­schen oder sei­ne Um­welt be­ein­träch­tigt.

4 Sie schüt­zen die Viel­falt der Pflan­zen- und Tier­welt so­wie der
na­tür­li­chen Le­bens­räu­me.

5 Das Ge­setz legt die ge­schütz­ten Ge­bie­te und Re­gio­nen fest.

Art. 52a3  

1 Die Re­gi­on La­vaux zwi­schen Lut­rive und Cor­sier wird zum Schutz­ge­biet er­klärt.

2 Je­de Ver­let­zung des Schut­zes kann von den Be­trof­fe­nen und den Na­tur- und Hei­mat­schutz­ver­bän­den ver­wal­tungs­recht­lich oder ge­richt­lich an­ge­foch­ten wer­den.

3 Die Aus­füh­rungs­ge­setz­ge­bung hat sich ge­nau an den gel­ten­den Pe­ri­me­ter zu hal­ten, na­ment­lich durch die Er­hal­tung des Reb­bau­ge­biets so­wie des tra­di­tio­nel­len Cha­rak­ters der Dör­fer und Wei­ler.

3 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 27. Nov. 2005, in Kraft seit 27. Nov. 2005. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 18. Ju­ni 2007 (BBl 2007 4933Art. 1 Ziff. 5 629).

Art. 53  

1 Der Staat und die Ge­mein­den för­dern und un­ter­stüt­zen das kul­tu­rel­le Le­ben so­wie das künst­le­ri­sche Schaf­fen.

2 Sie ver­fol­gen ei­ne Kul­tur­po­li­tik, die den Zu­gang zur Kul­tur und die Teil­nah­me an der Kul­tur för­dert.

Art. 54  

Der Staat und die Ge­mein­den för­dern sport­li­che Ak­ti­vi­tä­ten.

5. Kapitel: Raumplanung, Energie, Verkehr und Kommunikation

Art. 55  

Der Staat und die Ge­mein­den sor­gen für ei­ne ge­ord­ne­te Be­sied­lung des Lan­des und für ei­ne haus­häl­te­ri­sche Nut­zung des Bo­dens.

Art. 56  

1 Der Staat und die Ge­mein­den bie­ten der Be­völ­ke­rung An­rei­ze für ei­ne ra­tio­nel­le und haus­häl­te­ri­sche Nut­zung der na­tür­li­chen Res­sour­cen, ins­be­son­de­re der Ener­gie.

2 Sie sor­gen für ei­ne aus­rei­chen­de, di­ver­si­fi­zier­te, si­che­re, wirt­schaft­lich op­ti­ma­le und um­welt­scho­nen­de Was­ser- und Ener­gie­ver­sor­gung.

3 Sie för­dern die Nut­zung und Ent­wick­lung der er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en.

4 Sie be­tei­li­gen sich an Be­mü­hun­gen, die den Ver­zicht auf Kern­ener­gie an­stre­ben.

Art. 57  

1 Der Staat ver­folgt ei­ne ko­or­di­nier­te Ver­kehrs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik.

2 Der Staat und die Ge­mein­den tra­gen den Be­dürf­nis­sen al­ler Be­nut­zer so­wie der Rand­re­gio­nen Rech­nung.

3 Der Staat för­dert den öf­fent­li­chen Ver­kehr.

4 Der Staat er­leich­tert den Zu­gang zu Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln und -ein­rich­tun­gen.

6. Kapitel: Wirtschaft

Art. 58  

1 Un­ter Be­ach­tung des Grund­satzes der Wirt­schafts­frei­heit schafft der Staat güns­ti­ge Rah­men­be­din­gun­gen für die Be­schäf­ti­gung, die Viel­falt der Tä­tig­kei­ten und das Gleich­ge­wicht un­ter den Re­gio­nen.

2 Er för­dert die tech­no­lo­gi­sche In­no­va­ti­on so­wie die Grün­dung und Um­struk­tu­rie­rung von Un­ter­neh­men.

Art. 59  

1 Der Staat er­greift Mass­nah­men zu Guns­ten ei­ner leis­tungs­fä­hi­gen und um­welt­scho­nen­den Land- und Forst­wirt­schaft; er be­rück­sich­tigt de­ren viel­fäl­ti­ge Funk­tio­nen.

2 Er un­ter­stützt ins­be­son­de­re For­schung, Aus­bil­dung und Be­ra­tung so­wie die Ab­satz­för­de­rung der Er­zeug­nis­se.

7. Kapitel: Sozialpolitik und Gesundheitswesen

Art. 60  

Der Staat und die Ge­mein­den ge­währ­leis­ten al­len im Kan­ton Waadt wohn­haf­ten Per­so­nen die Vor­aus­set­zun­gen für ein Le­ben in Wür­de, in­dem sie:

a.
vor­beu­gen­de Mass­nah­men ge­gen be­ruf­li­che und so­zia­le Aus­gren­zung er­grei­fen;
b.
ei­ne So­zi­al­hil­fe leis­ten, die grund­sätz­lich nicht rück­zahl­bar ist;
c.
Wie­der­ein­glie­de­rungs­mass­nah­men er­grei­fen.
Art. 61  

1 Der Staat und die Ge­mein­den be­rück­sich­ti­gen die spe­zi­fi­schen Be­dürf­nis­se be­hin­der­ter Per­so­nen und ih­rer Fa­mi­li­en.

2 Sie er­grei­fen Mass­nah­men, um ih­re Selb­stän­dig­keit, die so­zia­le, schu­li­sche und be­ruf­li­che In­te­gra­ti­on, die Be­tei­li­gung am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben so­wie die Ent­fal­tung im Fa­mi­li­e­num­feld zu ge­währ­leis­ten.

Art. 62  

Der Staat und die Ge­mein­den be­rück­sich­ti­gen die be­son­de­ren Be­dürf­nis­se und In­ter­es­sen von Kin­dern und Ju­gend­li­chen durch die För­de­rung ih­rer Kul­tur-, Sport- und Frei­zeit­tä­tig­keit.

Art. 63  

1 Der Staat legt die Min­dest­leis­tun­gen für Fa­mi­li­en­zu­la­gen fest und sorgt da­für, dass je­de Fa­mi­lie in de­ren Ge­nuss kommt.

2 Der Staat und die Ge­mein­den or­ga­ni­sie­ren in Zu­sam­men­ar­beit mit pri­va­ten Part­nern ei­ne Be­treu­ung im Vor­schulal­ter so­wie die schul­er­gän­zen­de Be­treu­ung der Kin­der.

3 Der Staat or­ga­ni­siert den Kin­der- und Ju­gend­schutz so­wie den Schutz von ab­hän­gi­gen Per­so­nen.

Art. 63a4  

1 Die Ge­mein­den or­ga­ni­sie­ren in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Staat und Pri­va­ten wäh­rend der gan­zen ob­li­ga­to­ri­schen Schul­zeit ein für die Fa­mi­li­en fa­kul­ta­ti­ves aus­ser­schu­li­sches Be­treu­ungs­an­ge­bot in der Form von Ta­ges­schu­len in den Schul­räum­lich­kei­ten oder in de­ren Nä­he.

2 Die Be­treu­ung kann auch pri­va­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen an­ver­traut wer­den.

3 Die Ge­mein­den be­stim­men, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die aus­ser­schu­li­sche Be­treu­ung in An­spruch ge­nom­men wer­den kann.

4 Die El­tern tra­gen zur Fi­nan­zie­rung der aus­ser­schu­li­schen Be­treu­ung bei.

4 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 27. Sept. 2009, in Kraft seit 27. Sept. 2009. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 8. Dez. 2010 (BBl 2011 257Art. 1 Ziff. 3, 2010 4901).

Art. 64  

1 So­lan­ge kei­ne eid­ge­nös­si­sche Mut­ter­schafts­ver­si­che­rung be­steht, rich­tet der Staat ei­ne kan­to­na­le Mut­ter­schafts­ver­si­che­rung ein.

2 Er för­dert den El­tern­ur­laub.

Art. 65  

1 Der Staat ko­or­di­niert und or­ga­ni­siert das Ge­sund­heits­we­sen.

2 Zur Er­hal­tung der Ge­sund­heit der Be­völ­ke­rung müs­sen der Staat und die Ge­mein­den:

a.
al­le er­mu­ti­gen, zur ei­ge­nen Ge­sund­heit Sor­ge zu tra­gen;
b.
al­len einen glei­chen und ge­rech­ten Zu­gang zu ei­ner qua­li­ta­tiv hoch­ste­hen­den Pfle­ge so­wie zu den In­for­ma­tio­nen, die zum Schutz der Ge­sund­heit not­wen­dig sind, si­cher­stel­len;
c.
die Haus­pfle­ge för­dern, da­mit Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten zu Hau­se blei­ben kön­nen;
cbis.5
da­für sor­gen, dass Per­so­nen, die aus Grün­den ih­res Al­ters, ih­rer Be­hin­de­rung oder ih­rer Ge­sund­heits­schä­di­gung nicht zu Hau­se blei­ben kön­nen, Zu­gang ha­ben zu ih­ren Be­dürf­nis­sen an­ge­pass­ten Un­ter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten;
d.
öf­fent­li­che und pri­va­te In­sti­tu­tio­nen, die in Prä­ven­ti­on und Pfle­ge tä­tig sind, un­ter­stüt­zen.

3 Der Staat und die Ge­mein­den schen­ken schwa­chen, ab­hän­gi­gen, be­hin­der­ten und be­tag­ten Per­so­nen be­son­de­re Auf­merk­sam­keit.

5 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 27. Sept. 2009, in Kraft seit 27. Sept. 2009. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 11. März 2020 (BBl 2020 4671Art. 3 147).

Art. 65a6  

1 Zum Schutz der Ge­samt­be­völ­ke­rung ist es ver­bo­ten, im In­nern von öf­fent­li­chen An­la­gen oder in öf­fent­lich zu­gäng­li­chen ge­schlos­se­nen Räu­men zu rau­chen.

2 Dies gilt na­ment­lich für:

a.
al­le Ge­bäu­de oder öf­fent­li­chen Räu­me des Staa­tes, der Ge­mein­den so­wie al­ler an­de­ren In­sti­tu­tio­nen mit öf­fent­li­chem Cha­rak­ter;
b.
al­le öf­fent­lich zu­gäng­li­chen Ge­bäu­de oder Räu­me, na­ment­lich sol­che, die fol­gen­den Zwe­cken die­nen: me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung, Pfle­ge in Spi­tä­lern oder an­de­ren Ge­sund­heits­ein­rich­tun­gen, Kul­tur, Er­ho­lung, Sport, Bil­dung, Frei­zeit, Be­geg­nung, Aus­stel­lun­gen;
c.
al­le öf­fent­li­chen Ein­rich­tun­gen im Sin­ne der Ge­setz­ge­bung über die Be­her­ber­gung und den Ge­trän­ke­aus­schank, un­ter Vor­be­halt der Ein­rich­tung ab­ge­schlos­se­ner, un­be­dien­ter Rau­cher­räu­me, die über ein ge­eig­ne­tes Be­lüf­tungs­sys­tem ver­fü­gen;
d.
den öf­fent­li­chen Ver­kehr so­wie die üb­ri­gen ge­werbs­mäs­si­gen Per­so­nen­trans­por­te;
e.
an­de­re öf­fent­lich zu­gäng­li­che Räu­me, die das Ge­setz vor­sieht.

3 Das Ge­setz be­stimmt die Stra­fen für den Fall der Nicht­ein­hal­tung des Rauch­ver­bots und re­gelt den Voll­zug der vor­lie­gen­den Be­stim­mung.

6 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 30. Nov. 2008, in Kraft seit 30. Nov. 2008. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss der BVers vom 10. Dez. 2009 (BBl 2009 9137Art. 1 Ziff. 3 5965).

Art. 66  

Der Staat er­greift Mass­nah­men, um die Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten zu in­for­mie­ren und zu schüt­zen.

Art. 67  

1 Er­gän­zend zu per­sön­li­cher Ver­ant­wor­tung und pri­va­ter In­itia­ti­ve ach­ten der Staat und die Ge­mein­den dar­auf, dass al­le Per­so­nen über ei­ne an­ge­mes­se­ne Woh­nung zu trag­ba­ren Be­din­gun­gen ver­fü­gen kön­nen.

2 Sie för­dern die Be­reit­stel­lung von miet­zins­er­mäs­sig­ten Woh­nun­gen so­wie die Schaf­fung ei­nes Sys­tems der per­so­na­li­sier­ten Woh­nungs­bei­hil­fe.

3 Sie för­dern den Zu­gang zum Wohn­ei­gen­tum.

8. Kapitel: Integration der Ausländerinnen und Ausländer sowie Einbürgerung

Art. 68  

1 Der Staat er­leich­tert die Auf­nah­me von Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­dern.

2 Der Staat und die Ge­mein­den för­dern die In­te­gra­ti­on der Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­der in ge­gen­sei­ti­ger Ach­tung der un­ter­schied­li­chen Iden­ti­tä­ten und der Wer­te, auf de­nen der Rechts­staat be­ruht.

Art. 69  

1 Der Staat und die Ge­mein­den er­leich­tern die Ein­bür­ge­rung von Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­dern.

2 Das Ver­fah­ren ist rasch und un­ent­gelt­lich.

3 Das Ge­setz re­gelt die er­for­der­li­che Auf­ent­halts­dau­er und das Ver­fah­ren; es sieht ei­ne Be­schwer­de­in­stanz vor.

9. Kapitel: Vereinsleben und ehrenamtliche Tätigkeit

Art. 70  

1 Der Staat und die Ge­mein­den tra­gen der Rol­le des Ver­eins­le­bens Rech­nung und an­er­ken­nen des­sen Be­deu­tung.

2 Sie kön­nen den an­er­kann­ten Ver­ei­nen Un­ter­stüt­zung für ih­re ge­mein­nüt­zi­ge Tä­tig­keit ge­wäh­ren.

3 Sie kön­nen im Rah­men von Part­ner­schafts­ver­trä­gen Auf­ga­ben an sie de­le­gie­ren.

4 Sie er­leich­tern die eh­ren­amt­li­che Tä­tig­keit so­wie die Aus­bil­dung eh­ren­amt­li­cher Hel­fe­rin­nen und Hel­fer.

10. Kapitel: Humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit

Art. 71  

1 Der Staat und die Ge­mein­den tra­gen mit den üb­ri­gen staat­li­chen Be­hör­den so­wie mit den be­tref­fen­den Or­ga­ni­sa­tio­nen und Un­ter­neh­men zur hu­ma­ni­tär­en Hil­fe, zur Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit und zur För­de­rung des fai­ren Han­dels bei.

2 Sie set­zen sich für die Ach­tung der Men­schen­rech­te und für ei­ne Frie­dens­po­li­tik ein.

11. Kapitel: Zukunftsfragen

Art. 72  

Um für die Zu­kunft vor­zu­sor­gen, zieht der Staat ein Gre­mi­um für Zu­kunfts­fra­gen bei.

12. Kapitel: Verantwortlichkeit des Staates und der Gemeinden

Art. 73  

1 Der Staat und die Ge­mein­den haf­ten für Schä­den, die ih­re Amts­trä­ger oder ih­re Hilfs­kräf­te bei der Er­fül­lung ih­rer Auf­ga­ben wi­der­recht­lich ver­ur­sa­chen.

2 Das Ge­setz be­stimmt, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Staat und die Ge­mein­den für Schä­den haf­ten, die ih­re Amts­trä­ger recht­mäs­sig ver­ur­sa­chen.

IV. Titel: Das Volk

1. Kapitel: Politische Rechte

Art. 747  

1 Stimm­be­rech­tigt in kan­to­na­len An­ge­le­gen­hei­ten sind die im Kan­ton wohn­haf­ten Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer, die das 18. Al­ters­jahr zu­rück­ge­legt ha­ben und nicht durch ei­ne um­fas­sen­de Bei­stand­schaft oder durch einen Vor­sor­ge­auf­trag we­gen dau­ern­der Ur­teil­s­un­fä­hig­keit ge­schützt sind.

2 Das Ge­setz sieht ein ein­fa­ches Ver­fah­ren vor, das Per­so­nen nach Ab­satz 1 in fi­ne er­laubt, ih­re Ur­teils­fä­hig­keit nach­zu­wei­sen. und das Stimm­recht wie­der zu er­lan­gen.

7 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 25. Nov. 2012, in Kraft seit 25. Nov. 2012. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss der BVers vom 24. Sept. 2014 (BBl 2014 7859Art. 1 Ziff. 7 3723).

Art. 75  

Ge­gen­stand der po­li­ti­schen Rech­te sind die Be­tei­li­gung an Wahlen und Ab­stim­mun­gen, die Wähl­bar­keit so­wie das Un­ter­zeich­nen von In­itia­tiv- und Re­fe­ren­dums­be­geh­ren.

Art. 76  

1 Das Ge­setz re­gelt die Aus­übung der po­li­ti­schen Rech­te.

2 Es sieht vor, dass lee­re Stimm­zet­tel, die in Wahlen und Ab­stim­mun­gen ge­trennt aus­ge­zählt wer­den, für die Be­rech­nung der ab­so­lu­ten Mehr­heit in Wahlen nach dem Mehr­heits­wahl­ver­fah­ren be­rück­sich­tigt wer­den.

2. Kapitel: Wahlen

Art. 77  

1 Die Stimm­be­rech­tig­ten des Kan­tons wäh­len:

a.
die Mit­glie­der des Gros­sen Ra­tes;
b.
die Mit­glie­der des Staats­ra­tes;
c.
die Waadt­län­der Mit­glie­der des Stän­de­ra­tes.

2 Die Waadt­län­der Mit­glie­der des Stän­de­ra­tes wer­den gleich­zei­tig und für die glei­che Amts­dau­er ge­wählt wie die Mit­glie­der des Na­tio­nal­ra­tes. Der Wahlm­odus ist der­je­ni­ge, der für die Wahl des Staats­ra­tes gilt.

3. Kapitel: Volksinitiative und Referendum

A. Volksinitiative

Art. 78  

Mit ei­ner Volks­i­ni­tia­ti­ve kann ver­langt wer­den:

a.
die To­tal- oder Teil­re­vi­si­on der Ver­fas­sung;
b.
die An­nah­me, Än­de­rung oder Auf­he­bung ei­nes Ge­set­zes;
c.
die Auf­nah­me von Ver­hand­lun­gen im Hin­blick auf den Ab­schluss, die Än­de­rung oder die Kün­di­gung ei­nes völ­ker­recht­li­chen Ver­trags oder ei­nes Kon­kor­dats, falls die­se dem fa­kul­ta­ti­ven Re­fe­ren­dum un­ter­stellt sind oder dem ob­li­ga­to­ri­schen Re­fe­ren­dum un­ter­lie­gen;
d.
die An­nah­me, Än­de­rung oder Auf­he­bung ei­nes dem fa­kul­ta­ti­ven Re­fe­ren­dum un­ter­stell­ten De­krets des Gros­sen Ra­tes.
Art. 79  

1 Die Volks­i­ni­tia­ti­ve kann in der Form der all­ge­mei­nen An­re­gung oder, so­weit nicht die To­tal­re­vi­si­on der Ver­fas­sung ver­langt wird, in der Form des aus­ge­ar­bei­te­ten Ent­wurfs ein­ge­reicht wer­den.

2 Sie kommt zu­stan­de, wenn sie in­ner­halb von vier Mo­na­ten 12 000 Un­ter­schrif­ten oder, falls die To­tal­re­vi­si­on der Ver­fas­sung ver­langt wird, 18 000 Un­ter­schrif­ten auf sich ver­ei­nigt.

Art. 808  

1 Der Staats­rat ent­schei­det über die Gül­tig­keit von In­itia­ti­ven vor dem Start der Un­ter­schrif­ten­samm­lung. Er stellt die Un­gül­tig­keit von In­itia­ti­ven fest, die:

a.
ge­gen über­ge­ord­ne­tes Recht ver­stos­sen;
b.
die Ein­heit des Rangs, der Form oder der Ma­te­rie ver­let­zen.

2 Der Ent­scheid des Staats­ra­tes kann mit Be­schwer­de beim Ver­fas­sungs­ge­richt an­ge­foch­ten wer­den.

8 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 9. Ju­ni 2013, in Kraft seit 10. Ju­ni 2013. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 11. März 2015 (BBl 2015 3035Art. 1 Ziff. 9, 2014 9091).

Art. 81  

1 Das Ge­setz re­gelt die Art der Be­hand­lung der In­itia­ti­ve durch den Gros­sen Rat so­wie das Ver­fah­ren der Volks­ab­stim­mung, wenn der In­itia­ti­ve ein Ge­gen­vor­schlag ge­gen­über­ge­stellt wird.

2 Die Ar­ti­kel 173 und 174 über die Ver­fas­sungs­re­vi­si­on blei­ben vor­be­hal­ten.

Art. 82  

1 Die In­itia­ti­ve wird spä­tes­tens zwei Jah­re nach der Ein­rei­chung zur Volks­ab­stim­mung un­ter­brei­tet.

2 Der Gros­se Rat kann die­se Frist um ein Jahr ver­län­gern, falls er ei­ner In­itia­ti­ve in der Form der all­ge­mei­nen An­re­gung zu­ge­stimmt oder be­schlos­sen hat, ei­ner In­itia­ti­ve einen Ge­gen­vor­schlag ge­gen­über­zu­stel­len.

B. Referendum

Art. 83  

1 Den Stimm­be­rech­tig­ten wer­den un­ter­brei­tet:

a.
To­tal- oder Teil­re­vi­sio­nen der Ver­fas­sung;
b.
völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge und Kon­kor­da­te, die mit der Ver­fas­sung nicht ver­ein­bar sind oder die­se er­gän­zen;
c.
Än­de­run­gen des Kan­tons­ge­biets;
d.
Stel­lung­nah­men, Ge­set­ze oder all­ge­mei­ne Be­stim­mun­gen be­tref­fend Nut­zung, Trans­port und La­ge­rung von Kern­ener­gie oder Kern­ma­te­ri­al.

2 Den Stimm­be­rech­tig­ten sind aus­ser­dem die Mass­nah­men zur Sa­nie­rung der Fi­nan­zen nach Ar­ti­kel 165 Ab­satz 2 zur Ab­stim­mung zu un­ter­brei­ten.

Art. 84  

1 Dem fa­kul­ta­ti­ven Re­fe­ren­dum un­ter­stellt sind:

a.
Ge­set­ze und De­kre­te;
b.
völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge und Kon­kor­da­te, die mit dem Ge­setz nicht ver­ein­bar sind oder die­ses er­gän­zen.

2 Dem Re­fe­ren­dum nicht un­ter­stellt sind:

a.
Ge­schäf­te, von de­nen der Gros­se Rat Kennt­nis nimmt;
b.
der Vor­an­schlag, Nach­trags­kre­di­te, An­lei­hen, ge­bun­de­ne Aus­ga­ben so­wie die Staats­rech­nung;
c.
Wahlen;
d.
Be­gna­di­gun­gen;
e.
Ein­bür­ge­run­gen;
f.
die vom Gros­sen Rat nach Bun­des­recht aus­ge­üb­ten In­itia­tiv- und Re­fe­ren­dums­rech­te.

3 Das Re­fe­ren­dum kommt zu­stan­de, wenn es in­ner­halb von sech­zig Ta­gen ab der Ver­öf­fent­li­chung des Er­las­ses 12 000 Un­ter­schrif­ten auf sich ver­ei­nigt. Im Ge­setz wer­den län­ge­re Fris­ten vor­ge­se­hen für be­stimm­te Pe­ri­oden im Jahr, in de­nen die Samm­lung von Un­ter­schrif­ten er­schwert ist.9

9 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 9. Ju­ni 2013, in Kraft seit 10. Ju­ni 2013. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 11. März 2015 (BBl 2015 3035Art. 1 Ziff. 9, 2014 9091).

4. Kapitel: Beteiligung am öffentlichen Leben

Art. 85  

1 Der Staat und die Ge­mein­den be­rei­ten die Kin­der und Ju­gend­li­chen auf ih­re staats­bür­ger­li­chen Auf­ga­ben vor, in­dem sie für Staats­kun­de­un­ter­richt sor­gen und Er­fah­run­gen mit der Be­tei­li­gung in ver­schie­de­nen For­men för­dern.

2 Der Staat setzt ei­ne Ju­gend­kom­mis­si­on ein.

Art. 86  

1 Die po­li­ti­schen Par­tei­en und die Ver­ei­ne wir­ken bei der öf­fent­li­chen Mei­nungs- und Wil­lens­bil­dung mit.

2 Sie wer­den vom Staat und von den Ge­mein­den zu Ge­schäf­ten, die sie be­tref­fen, an­ge­hört.

3 Die Par­tei­en ach­ten auf die Um­set­zung des Grund­satzes der aus­ge­wo­ge­nen Ver­tre­tung von Frau­en und Män­nern.

Art. 87  

1 Die Kan­tons- und die Ge­mein­de­be­hör­den ver­öf­fent­li­chen ih­re Vor­ha­ben auf ei­ne Wei­se, wel­che ei­ne öf­fent­li­che Dis­kus­si­on er­mög­licht.

2 Sie in­for­mie­ren die Be­völ­ke­rung über die zur Ab­stim­mung un­ter­brei­te­ten Ge­schäf­te.

Art. 88  

Der Staat und die Ge­mein­den för­dern und er­leich­tern die Aus­übung der po­li­ti­schen Rech­te.

V. Titel: Kantonale Behörden

1. Kapitel: Allgemeine Bestimmungen

Art. 89  

1 Die Or­ga­ni­sa­ti­on der Be­hör­den rich­tet sich nach dem Grund­satz der Ge­wal­ten­tei­lung.

2 Die Be­hör­den um­fas­sen:

a.
die ge­setz­ge­ben­de Ge­walt;
b.
die voll­zie­hen­de Ge­walt;
c.
die rich­ter­li­che Ge­walt.
Art. 90  

1 Das Amt als Mit­glied des Gros­sen Ra­tes, des Staats­ra­tes, ei­ner Ge­richts­be­hör­de und des Rech­nungs­ho­fes so­wie das Amt der Om­buds­per­son sind un­ver­ein­bar. Das Ge­setz kann für nicht­stän­di­ge Mit­glie­der ei­ner Ge­richts­be­hör­de Aus­nah­men vor­se­hen.

2 Die Mit­glie­der des Staats­ra­tes dür­fen kein an­de­res be­zahl­tes öf­fent­li­ches oder pri­va­tes Amt aus­üben noch den eid­ge­nös­si­schen Rä­ten an­ge­hö­ren. Vor­be­hal­ten blei­ben die auf Grund ei­ner De­le­ga­ti­on wahr­ge­nom­me­nen Äm­ter.

3 Die An­ge­stell­ten der Kan­tons­ver­wal­tung dür­fen nicht Mit­glied ei­ner Ge­richts­be­hör­de sein; im Ge­setz vor­ge­se­he­ne Aus­nah­men blei­ben vor­be­hal­ten.

4 Die lei­ten­den An­ge­stell­ten der Kan­tons­ver­wal­tung dür­fen nicht Mit­glied des Gros­sen Ra­tes sein.

5 Das Ge­setz kann wei­te­re Un­ver­ein­bar­kei­ten vor­se­hen.

2. Kapitel: Grosser Rat

A. Grundsatz

Art. 91  

Der Gros­se Rat ist die obers­te Be­hör­de des Kan­tons; die Rech­te des Vol­kes blei­ben vor­be­hal­ten.

B. Zusammensetzung

Art. 92  

Der Gros­se Rat setzt sich aus hun­dert­fünf­zig Ab­ge­ord­ne­ten zu­sam­men, die für ei­ne Dau­er von fünf Jah­ren ge­wählt wer­den.

Art. 93  

1 Die Mit­glie­der des Gros­sen Ra­tes wer­den von den Stimm­be­rech­tig­ten nach dem Ver­hält­nis­wahl­ver­fah­ren ge­wählt.

2 Die Be­zir­ke bil­den die Wahl­krei­se. Stark be­völ­ker­te Be­zir­ke so­wie sol­che, die schwach be­völ­ker­te Rand­re­gio­nen um­fas­sen, kön­nen in meh­re­re Un­ter­wahl­krei­se un­ter­teilt wer­den; die­se wer­den für die Sitz­ver­tei­lung zu­sam­men­ge­fasst.

3 Die Sit­ze wer­den un­ter den Wahl­krei­sen im Ver­hält­nis zu de­ren Wohn­be­völ­ke­rung auf­ge­teilt. Je­der Un­ter­wahl­kreis ver­fügt über min­des­tens zwei Sit­ze.

4 Lis­ten, die we­ni­ger als 5 Pro­zent al­ler in ih­rem Wahl­kreis gül­tig ab­ge­ge­be­nen Stim­men er­zielt ha­ben, wer­den bei der Sitz­ver­tei­lung nicht be­rück­sich­tigt.

C. Organisation und Status der Mitglieder

Art. 94  

Der Gros­se Rat wählt sei­ne Prä­si­den­tin oder sei­nen Prä­si­den­ten für ein Jahr. Die­se Per­son kann nicht un­mit­tel­bar wie­der­ge­wählt wer­den.

Art. 95  

1 Der Gros­se Rat tritt re­gel­mäs­sig zu or­dent­li­chen Sit­zun­gen zu­sam­men.

2 Wenn ein Fünf­tel sei­ner Mit­glie­der oder der Staats­rat es ver­lan­gen, tritt er zu ei­ner aus­ser­or­dent­li­chen Sit­zung zu­sam­men.

3 Er ist nur be­schluss­fä­hig, wenn die ab­so­lu­te Mehr­heit der Mit­glie­der an­we­send ist.

Art. 96  

1 Die Sit­zun­gen des Gros­sen Ra­tes sind öf­fent­lich.

2 In den vom Ge­setz vor­ge­se­he­nen Fäl­len kann der Gros­se Rat den Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit be­schlies­sen.

Art. 97  

Die Mit­glie­der des Gros­sen Ra­tes kön­nen Frak­tio­nen bil­den.

Art. 98  

Der Gros­se Rat ver­fügt über ei­ge­ne Diens­te. Er kann die Diens­te der Kan­tons­ver­wal­tung in An­spruch neh­men.

Art. 99  

1 Die Mit­glie­der des Gros­sen Ra­tes üben ihr Man­dat frei aus.

2 Sie le­gen ih­re Ver­bin­dun­gen zu In­ter­es­sen­grup­pen of­fen.

Art. 100  

Im Gros­sen Rat und vor sei­nen Or­ga­nen äus­sern sich die Mit­glie­der des Gros­sen Ra­tes frei. Sie kön­nen we­gen ih­rer Er­klä­run­gen nur in den vom Ge­setz vor­ge­se­he­nen For­men ver­folgt wer­den.

Art. 101  

1 Je­dem und je­der Ab­ge­ord­ne­ten, je­der Frak­ti­on und je­der Kom­mis­si­on steht das In­itia­tiv-, Mo­ti­ons-, Pos­tu­lats-, In­ter­pel­la­ti­ons-, Fra­ge- und Re­so­lu­ti­ons­recht zu.

2 Die Ver­wal­tung ver­mit­telt den Ab­ge­ord­ne­ten sämt­li­che zur Man­dats­aus­übung sach­dien­li­chen Aus­künf­te.

Art. 102  

Die Ab­ge­ord­ne­ten ha­ben An­spruch auf ein Ent­gelt.

D. Befugnisse

Art. 103  

1 Der Gros­se Rat er­lässt Ge­set­ze und De­kre­te.

2 Er ge­neh­migt völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge und Kon­kor­da­te mit Aus­nah­me der­je­ni­gen, die in die aus­sch­liess­li­che Zu­stän­dig­keit des Staats­ra­tes fal­len.

Art. 104  

1 Der Gros­se Rat nimmt vom Le­gis­la­tur­pro­gramm des Staats­ra­tes
in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach der Vor­la­ge Kennt­nis.

2 Er ver­ab­schie­det den Richt­plan und die Sach­plä­ne des Kan­tons.

Art. 105  

1 Der Gros­se Rat nimmt all­jähr­lich Kennt­nis von der mit­tel­fris­ti­gen Fi­nanz­pla­nung so­wie gleich­zei­tig vom Be­richt über die Ver­schul­dung. Gleich­zei­tig ver­ab­schie­det er auf An­trag des Staats­ra­tes:

a.
den Be­triebs- und den In­ves­ti­ti­ons­haus­halt;
b.
den kan­to­na­len Steu­er­fuss;
c.
den Höchst­be­trag neu­er An­lei­hen.

2 Zu­dem ver­ab­schie­det er auf An­trag des Staats­ra­tes:

a.
die Nach­trags­kre­di­te;
b.
die In­ves­ti­ti­ons­kre­di­te und de­ren Ab­schrei­bung;
c.
den Er­werb und die Ver­äus­se­rung von Gü­tern, so­weit das Ge­setz die­se Be­fug­nis nicht dem Staats­rat über­trägt.

3 Der Gros­se Rat ge­neh­migt all­jähr­lich die Staats­rech­nung.

Art. 106  

1 Der Gros­se Rat wählt:

a.
sei­ne ei­ge­nen Or­ga­ne;
b.
die Rich­ter des Kan­tons­ge­richts;
c.
die Mit­glie­der des Rech­nungs­hofs;
d.
die Om­buds­per­son;
e.10
den Ge­ne­ral­staats­an­walt.

2 Er er­nennt die Mit­glie­der der in den Ar­ti­keln 131 und 166 vor­ge­se­he­nen Wahl­vor­be­rei­tungs­kom­mis­si­on.

10 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 27. Sept. 2009, in Kraft seit 27. Sept. 2009. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 8. Dez. 2010 (BBl 2011 257Art. 1 Ziff. 3, 2010 4901).

Art. 107  

1 Der Gros­se Rat übt die Ober­auf­sicht über die Tä­tig­keit des Staats­ra­tes so­wie über die Ge­schäfts­füh­rung des Kan­tons­ge­richts aus. Die Un­ab­hän­gig­keit der rich­ter­li­chen Tä­tig­keit bleibt vor­be­hal­ten.

2 Er nimmt jähr­lich zur Ge­schäfts­füh­rung des Staa­tes Stel­lung.

3 Er kann je­der­zeit be­schlies­sen, zu ei­nem ein­zel­nen Punkt der Tä­tig­keit des Staats­ra­tes ei­ne Un­ter­su­chung durch­zu­füh­ren.

Art. 108  

1 Der Gros­se Rat ent­schei­det über die staat­li­che Be­tei­li­gung an ju­ris­ti­schen Per­so­nen.

2 Das Ge­setz sieht Aus­nah­men vor.11

11 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 27. Nov. 2005, in Kraft seit 27. Nov. 2005. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 18. Ju­ni 2007 (BBl 2007 4933Art. 1 Ziff. 5 629).

Art. 109  

1 Der Gros­se Rat ge­währt die Be­gna­di­gung und die Amnes­tie.

2 Er übt das In­itia­tiv- und Re­fe­ren­dums­recht aus, wel­ches das Bun­des­recht den Kan­to­nen ein­räumt.

3 Er be­tei­ligt sich an den in­ter­par­la­men­ta­ri­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen sei­ner Wahl.

Art. 110  

1 Der Gros­se Rat übt sei­ne Be­fug­nis­se aus in Form von:

a.
Ge­set­zen für ge­ne­rel­le und ab­strak­te Nor­men mit un­be­grenz­ter Gel­tungs­dau­er;
b.
De­kre­ten für die üb­ri­gen Be­schlüs­se; in­ter­ne Ver­fah­rens­ent­schei­de blei­ben vor­be­hal­ten.

2 Er kann sei­ne Mei­nung auch in Form ei­ner Re­so­lu­ti­on äus­sern.

Art. 111  

1 Die In­itia­ti­ve steht Mit­glie­dern, Frak­tio­nen und Kom­mis­sio­nen des Gros­sen Ra­tes so­wie dem Staats­rat zu. Die Be­stim­mun­gen zur Volks­in­itia­ti­ve blei­ben vor­be­hal­ten.

2 Er­las­se, die vom Gros­sen Rat be­schlos­sen wer­den sol­len, kön­nen ent­we­der vom Staats­rat oder vom Gros­sen Rat selbst aus­ge­ar­bei­tet wer­den.

3 Die Mit­glie­der des Gros­sen Ra­tes und des Staats­ra­tes kön­nen An­trä­ge zu ei­nem in der Be­ra­tung ste­hen­den Ge­schäft ma­chen.

3. Kapitel: Staatsrat

A. Grundsatz

Art. 112  

Der Staats­rat ist die obers­te voll­zie­hen­de Be­hör­de des Kan­tons.

B. Zusammensetzung

Art. 113  

1 Der Staats­rat setzt sich aus sie­ben Mit­glie­dern zu­sam­men, die für
ei­ne Dau­er von fünf Jah­ren ge­wählt wer­den.

2 Lee­re Sit­ze wer­den in­ner­halb von neun­zig Ta­gen neu be­setzt, aus­ser wenn in den nächs­ten sechs Mo­na­ten Ge­sam­ter­neue­rungs­wah­len statt­fin­den.12

12 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 9. Ju­ni 2013, in Kraft seit 10. Ju­ni 2013. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 11. März 2015 (BBl 2015 3035Art. 1 Ziff. 9, 2014 9091).

Art. 114  

1 Die Mit­glie­der des Staats­ra­tes wer­den von den Stimm­be­rech­tig­ten gleich­zei­tig mit den Mit­glie­dern des Gros­sen Ra­tes ge­wählt.

2 Die Wahl er­folgt nach dem Mehr­heits­wahl­ver­fah­ren in zwei Wahl­gän­gen.

Art. 115  

Der Staats­rat wählt für die Dau­er der Le­gis­la­tur sei­ne Prä­si­den­tin oder sei­nen Prä­si­den­ten; die­se oder die­ser sorgt für die Ko­hä­renz des Re­gie­rungs­han­delns.

C. Organisation

Art. 116  

1 Der Staats­rat ist ei­ne Kol­le­gi­al­be­hör­de.

2 Er or­ga­ni­siert sich im Rah­men des Ge­set­zes selb­stän­dig.

Art. 117  

1 Je­des Mit­glied des Staats­ra­tes lei­tet ein De­par­te­ment.

2 Die Prä­si­den­tin oder der Prä­si­dent des Staats­ra­tes be­stimmt über die all­ge­mei­ne Ver­wal­tung, ko­or­di­niert die Tä­tig­keit der De­par­te­men­te und ach­tet auf de­ren gu­tes Funk­tio­nie­ren.

Art. 118  

Der Staats­rat so­wie die Waadt­län­der De­pu­ta­ti­on in den eid­ge­nös­si­schen Rä­ten oder ei­ne De­le­ga­ti­on die­ser De­pu­ta­ti­on set­zen nach den im Ge­setz fest­ge­leg­ten Mo­da­li­tä­ten ei­ne stän­di­ge Kom­mis­si­on für den In­for­ma­ti­ons­aus­tausch über Bun­des­an­ge­le­gen­hei­ten ein, die als «Kon­fe­renz für Bun­des­an­ge­le­gen­hei­ten» be­zeich­net wird.

D. Befugnisse

Art. 119  

1 In­ner­halb von vier Mo­na­ten nach sei­nem Amts­an­tritt legt der Staats­rat dem Gros­sen Rat ein Le­gis­la­tur­pro­gramm vor, das die Zie­le so­wie die Mit­tel zur Ziel­er­rei­chung um­schreibt und den Zeit­plan fest­legt.

2 Al­le Mit­glie­der des Staats­ra­tes sind an den In­halt die­ses Pro­gramms ge­bun­den.

3 Der Staats­rat kann das Pro­gramm im Lau­fe der Le­gis­la­tur ab­än­dern; er un­ter­brei­tet die Än­de­run­gen dem Gros­sen Rat zur Kennt­nis­nah­me.

4 An­fang Jahr er­stat­tet der Staats­rat dem Gros­sen Rat Be­richt über den Stand der Um­set­zung des Le­gis­la­tur­pro­gramms.

Art. 120  

1 Der Staats­rat un­ter­brei­tet dem Gros­sen Rat die Er­las­sent­wür­fe zur Be­ra­tung. Er er­stat­tet Be­richt über die Volks­i­ni­tia­ti­ven so­wie über die In­itia­ti­ven der Mit­glie­der des Gros­sen Ra­tes.

2 Er er­lässt Rechts­vor­schrif­ten, so­weit die Ver­fas­sung oder das Ge­setz ihn da­zu er­mäch­tigt. Er er­lässt die für den Voll­zug der Ge­set­ze und der De­kre­te er­for­der­li­chen Be­stim­mun­gen.

Art. 121  

1 Der Staats­rat ver­tritt den Kan­ton.

2 Er kann selb­stän­dig Kon­kor­da­te und völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge ab­sch­lies­sen, so­fern ein vom Gros­sen Rat ge­neh­mig­tes Ge­setz oder Kon­kor­dat be­zie­hungs­wei­se ein vom Gros­sen Rat ge­neh­mig­ter völ­ker­recht­li­cher Ver­trag dies vor­sieht.

3 Er kann Ver­wal­tungs­ver­ein­ba­run­gen mit dem Bund oder mit an­de­ren Kan­to­nen ab­sch­lies­sen.

Art. 122  

1 Der Staats­rat be­rei­tet den Vor­an­schlag vor und un­ter­brei­tet die Staats­rech­nung.

2 Er be­schliesst im Rah­men des Ge­set­zes über Aus­ga­ben so­wie über Kauf oder Ver­kauf öf­fent­li­cher Grund­stücke.

Art. 123  

Der Staats­rat lei­tet die Kan­tons­ver­wal­tung.

Art. 124  

Der Staats­rat ist für die öf­fent­li­che Ord­nung und Si­cher­heit ver­ant­wort­lich.

Art. 125  

1 Der Staats­rat kann oh­ne ge­setz­li­che Grund­la­ge al­le er­for­der­li­chen Mass­nah­men er­grei­fen, um schwer­wie­gen­de Ge­fah­ren ab­zu­wen­den oder an­de­ren Aus­nah­me­si­tua­tio­nen zu be­geg­nen.

2 Das Ge­setz legt das Ver­fah­ren für die Be­stä­ti­gung durch den Gros­sen Rat fest.

Art. 125a13  

1 Die Staats­an­walt­schaft führt die Stra­fun­ter­su­chung und er­hebt An­kla­ge.

2 In der Aus­übung ih­rer ge­setz­li­chen Pflich­ten ist sie un­ab­hän­gig.

3 Sie ist ad­mi­nis­tra­tiv dem Staats­rat un­ter­stellt.

4 Das Ge­setz re­gelt ih­re Or­ga­ni­sa­ti­on, ih­re Funk­tio­nen und ih­re Zu­stän­dig­kei­ten.

13 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 27. Sept. 2009, in Kraft seit 27. Sept. 2009. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 8. Dez. 2010 (BBl 2011 257Art. 1 Ziff. 3, 2010 4901).

4. Kapitel: Gerichte

A. Allgemeine Grundsätze

Art. 126  

1 Die Un­ab­hän­gig­keit der Ge­rich­te ist ge­währ­leis­tet.

2 Die Rich­ter üben ihr rich­ter­li­ches Amt auf un­ab­hän­gi­ge und un­par­tei­li­che Wei­se aus.

3 Sie dür­fen ne­ben ih­rem rich­ter­li­chen Amt kei­ne Tä­tig­keit aus­üben, die ih­re Un­ab­hän­gig­keit be­ein­träch­ti­gen oder den An­schein von Vor­ein­ge­nom­men­heit er­we­cken kann. Die Be­stim­mun­gen über die Zu­sam­men­set­zung der pa­ri­tä­tisch be­setz­ten Ge­rich­te blei­ben vor­be­hal­ten.

Art. 127  

1 Das Ge­setz legt An­zahl, Or­ga­ni­sa­ti­on und Zu­stän­dig­keit der Ge­rich­te fest.

2 Es dür­fen kei­ne Aus­nah­me­ge­rich­te ein­ge­setzt wer­den, auch nicht un­ter an­de­rer Be­zeich­nung.

Art. 128  

Der Gros­se Rat ge­währt den Ge­richts­be­hör­den aus­rei­chen­de Mit­tel, da­mit ra­sches Han­deln und ho­he Qua­li­tät der Jus­tiz ge­währ­leis­tet sind.

Art. 129  

1 Je­der zi­vil- oder straf­recht­li­che Ge­richts­ent­scheid kann bei ei­ner zwei­ten kan­to­na­len In­stanz an­ge­foch­ten wer­den.

2 Das Ge­setz sorgt da­für, dass nicht mehr als zwei kan­to­na­le Ge­richts­in­stan­zen ma­te­ri­ell über Strei­tig­kei­ten zu be­fin­den ha­ben.

B. Kantonsgericht

Art. 130  

Das Kan­tons­ge­richt ist die obers­te Ge­richts­be­hör­de des Kan­tons.

Art. 131  

1 Die Rich­ter und die Er­satz­rich­ter des Kan­tons­ge­richts wer­den vom Gros­sen Rat ge­stützt auf ei­ne Stel­lung­nah­me der Wahl­vor­be­rei­tungs­kom­mis­si­on für die Dau­er von fünf Jah­ren ab 1. Ja­nu­ar des Jah­res, das auf die Ge­sam­ter­neue­rung des Gros­sen Ra­tes folgt, ge­wählt.14

2 Die Kom­mis­si­on wird vom Gros­sen Rat er­nannt. Sie setzt sich aus Ab­ge­ord­ne­ten und aus un­ab­hän­gi­gen Ex­per­ten zu­sam­men.

3 Die Aus­wahl der Kan­di­da­ten für das Kan­tons­ge­richt rich­tet sich im We­sent­li­chen nach ih­rer ju­ris­ti­schen Aus­bil­dung und ih­rer Er­fah­rung. Der Gros­se Rat ach­tet aus­ser­dem auf ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Ver­tre­tung der un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen Mei­nungs­rich­tun­gen.

4 Das Ge­setz re­gelt die Wahl der bei­sit­zen­den Rich­ter der ver­wal­tungs­recht­li­chen und öf­fent­lich-recht­li­chen Ab­tei­lung so­wie der so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Ab­tei­lung des Kan­tons­ge­richts.15

14 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 27. Nov. 2005, in Kraft seit 27. Nov. 2005. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 18. Ju­ni 2007 (BBl 2007 4933Art. 1 Ziff. 5 629).

15 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 30. Nov. 2008, in Kraft seit 30. Nov. 2008. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 10. Dez. 2009 (BBl 2009 9137Art. 1 Ziff. 3 5965).

Art. 132  

1 Das Kan­tons­ge­richt ist or­ga­ni­sa­to­risch, ad­mi­nis­tra­tiv und fi­nan­zi­ell im Rah­men des vom Gros­sen Rat ver­ab­schie­de­ten Vor­an­schlags selbst­stän­dig.

2 Es un­ter­brei­tet dem Gros­sen Rat, durch Ver­mitt­lung des Staats­ra­tes, je­des Jahr den Vor­an­schlag, den Ge­schäfts­be­richt und die Rech­nung.

Art. 133  

1 Das Kan­tons­ge­richt be­ur­teilt als Ge­richts­be­hör­de:

a.
in ers­ter In­stanz die­je­ni­gen Rechtssa­chen, für die es nach dem Ge­setz zu­stän­dig ist;
b.
in zwei­ter In­stanz die üb­ri­gen Rechtssa­chen, aus­ge­nom­men die­je­ni­gen, die das Ge­setz aus­drück­lich ei­ner an­de­ren Be­hör­de über­trägt.

2 Als Ver­wal­tungs­be­hör­de hat das Kan­tons­ge­richt:

a.
das Ge­richts­we­sen zu lei­ten und zu über­wa­chen;
b.
die üb­ri­gen Jus­tiz­be­am­ten so­wie das Per­so­nal der Ge­rich­te zu be­stel­len.
Art. 134  

Die Rich­ter des Kan­tons­ge­richts kön­nen in den Ur­tei­len und Ent­schei­den Min­der­heits­mei­nun­gen äus­sern.

Art. 135  

Ab­ge­se­hen von der Un­ab­hän­gig­keit der Recht­spre­chung un­ter­steht das Kan­tons­ge­richt der Ober­auf­sicht des Gros­sen Ra­tes.

C. Verfassungsgericht

Art. 136  

1 Das Ver­fas­sungs­ge­richt ist ei­ne Ab­tei­lung des Kan­tons­ge­richts.

2 Es:

a.
über­prüft auf ein Be­geh­ren, das zwan­zig Ta­ge nach der Ver­öf­fent­li­chung zu stel­len ist, die Über­ein­stim­mung kan­to­na­ler Vor­schrif­ten mit dem über­ge­ord­ne­ten Recht; das Ge­setz legt die Be­schwer­de­be­fug­nis fest;
b.
be­ur­teilt auf Be­schwer­de und in letz­ter kan­to­na­ler In­stanz Strei­tig­kei­ten be­tref­fend die Aus­übung der po­li­ti­schen Rech­te auf kan­to­na­ler und auf kom­mu­na­ler Ebe­ne;
c.
ent­schei­det über Zu­stän­dig­keits­kon­flik­te un­ter Be­hör­den.

3 Sei­ne Ent­schei­de wer­den ver­öf­fent­licht.

VI. Titel: Gemeinden und Bezirke

1. Kapitel: Gemeinden

A. Allgemeine Bestimmungen

Art. 137  

1 Die Ge­mein­den sind öf­fent­li­che Kör­per­schaf­ten mit Rechts­per­sön­lich­keit.

2 Ihr Be­stand und ihr Ge­biet sind in den Schran­ken der Ver­fas­sung ge­währ­leis­tet.

Art. 138  

1 Ne­ben den ei­ge­nen Auf­ga­ben, die sie frei­wil­lig er­fül­len, über­neh­men die Ge­mein­den die Auf­ga­ben, die ih­nen die Ver­fas­sung oder das Ge­setz über­trägt. Sie sor­gen für das Wohl ih­rer Be­woh­ner und für die Er­hal­tung nach­hal­ti­ger Le­bens­be­din­gun­gen.

2 Der Staat über­trägt den Ge­mein­den die Auf­ga­ben, wel­che die­se bes­ser er­fül­len kön­nen als er selbst.

Art. 139  

Die Ge­mein­den ver­fü­gen über Au­to­no­mie, ins­be­son­de­re bei:

a.
der Ver­wal­tung der öf­fent­li­chen Gü­ter und des Ver­mö­gens der Ge­mein­de;
b.
der Ver­wal­tung der Ge­mein­de;
c.
der Fest­le­gung, Er­he­bung und Zweck­be­stim­mung der
Ge­mein­de­ab­ga­ben und -steu­ern;
d.
der ört­li­chen Raum­pla­nung;
e.
der öf­fent­li­chen Ord­nung;
f.
den Be­zie­hun­gen un­ter Ge­mein­den.
Art. 140  

Die Ge­mein­den un­ter­ste­hen der Auf­sicht des Staa­tes; die­ser ach­tet dar­auf, dass ih­re Tä­tig­kei­ten ge­set­zes­kon­form sind.

B. Politische Organisation

a. Allgemeines

Art. 141  

1 Je­de Ge­mein­de ver­fügt über ei­ne be­ra­ten­de Be­hör­de, den Ge­mein­de­rat oder den Ge­ne­ral­rat, so­wie über ei­ne voll­zie­hen­de Be­hör­de, die Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve.

2 Das Ge­setz legt fest, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Ge­mein­de­rat oder ein Ge­ne­ral­rat ein­ge­setzt wer­den kann.

Art. 142  

1 Stimm­be­rech­tigt in Ge­mein­de­an­ge­le­gen­hei­ten sind, so­fern sie das 18. Al­ters­jahr zu­rück­ge­legt ha­ben und nicht durch ei­ne um­fas­sen­de Bei­stand­schaft oder durch einen Vor­sor­ge­auf­trag we­gen dau­ern­der Ur­teils­un­fä­hig­keit ge­schützt sind:16

a.
die in der Ge­mein­de wohn­haf­ten Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer;
b.
die in der Ge­mein­de wohn­haf­ten Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­der, die seit min­des­tens zehn Jah­ren mit Be­wil­li­gung in der Schweiz le­ben und seit min­des­tens drei Jah­ren im Kan­ton wohn­haft sind.

2 Ge­gen­stand der po­li­ti­schen Rech­te sind die Be­tei­li­gung an Wahlen und Ab­stim­mun­gen, die Wähl­bar­keit so­wie das Un­ter­zeich­nen von In­itia­tiv- und, in Ge­mein­den mit ei­nem Ge­mein­de­rat, von Re­fe­ren­dums­be­geh­ren.

3 Das Ge­setz re­gelt die Ein­zel­hei­ten der Aus­übung die­ser Rech­te. Die Ar­ti­kel 74 Ab­satz 2 und 76 Ab­satz 2 sind an­wend­bar.

16 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 25. Nov. 2012, in Kraft seit 25. Nov. 2012. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss der BVers vom 24. Sept. 2014 (BBl 2014 7859Art. 1 Ziff. 7 3723).

Art. 143  

1 Nie­mand darf gleich­zei­tig Mit­glied der be­ra­ten­den Be­hör­de und der voll­zie­hen­den Be­hör­de ei­ner Ge­mein­de sein.

2 Die hö­he­ren An­ge­stell­ten der Ge­mein­de­ver­wal­tung dür­fen nicht dem Ge­mein­de­rat an­ge­hö­ren.

3 Ein Ge­mein­de­re­gle­ment kann die Ku­mu­lie­rung ei­nes Exe­ku­tiv­man­dats in der Ge­mein­de mit Man­da­ten im Kan­ton oder im Bund ein­schrän­ken.

b. Ge­mein­de­rat oder Ge­ne­ral­rat

Art. 144  

1 Die Mit­glie­der des Ge­mein­de­ra­tes wer­den von den Stimm­be­rech­tig­ten für ei­ne Dau­er von fünf Jah­ren ge­wählt.

2 Sie wer­den grund­sätz­lich nach dem Ver­hält­nis­wahl­ver­fah­ren ge­wählt; das in Ar­ti­kel 93 Ab­satz 4 vor­ge­se­he­ne Quorum ist an­wend­bar.

3 In Ge­mein­den von we­ni­ger als 3000 Ein­woh­ne­rin­nen und Ein­woh­nern kann das Ge­mein­de­re­gle­ment die Mehr­heits­wahl vor­se­hen.17

17 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 4. Sept. 2011, in Kraft seit 4. Sept. 2011. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 11. März 2013 (BBl 2013 2617Art. 1 Ziff. 5, 2012 8513).

Art. 145  

Al­le Stimm­be­rech­tig­ten mit Aus­nah­me der Mit­glie­der der Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve kön­nen dem Ge­ne­ral­rat an­ge­hö­ren.

Art. 146  

1 Der Ge­mein­de­rat oder der Ge­ne­ral­rat:

a.
er­lässt die Re­gle­men­te;
b.
ver­ab­schie­det den Steu­er­be­schluss und den Vor­an­schlag und be­wil­ligt aus­ser­or­dent­li­che Aus­ga­ben so­wie An­lei­hen;
c.
nimmt zur Zu­sam­men­ar­beit un­ter Ge­mein­den Stel­lung;
d.
ent­schei­det über Kauf und Ver­kauf von Im­mo­bi­li­en;
e.
kon­trol­liert die Ge­schäfts­füh­rung;
f.
ver­ab­schie­det die Rech­nung.

2 Das Ge­setz kann ihm wei­te­re Be­fug­nis­se über­tra­gen.

3 Der Ge­mein­de­rat oder der Ge­ne­ral­rat kann mit ei­ner Mo­ti­on die Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve ver­pflich­ten, ihm einen Be­richt oder einen Ent­wurf zu un­ter­brei­ten. Er kann da­für ei­ne Frist set­zen.

Art. 147  

1 Den Stimm­be­rech­tig­ten steht das In­itia­tivrecht und in Ge­mein­den mit ei­nem Ge­mein­de­rat das Re­fe­ren­dums­recht zu.

2 Das Ge­setz re­gelt die Aus­übung die­ser Rech­te so­wie die vom Re­fe­ren­dums- oder In­itia­tivrecht aus­ge­schlos­se­nen Ge­schäf­te.

c. Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve

Art. 148  

Die Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve setzt sich aus min­des­tens drei Mit­glie­dern zu­sam­men, dar­un­ter die Ge­mein­de­prä­si­den­tin oder der Ge­mein­de­prä­si­dent, die oder der die Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve prä­si­diert. Sie wer­den für ei­ne Dau­er von fünf Jah­ren ge­wählt.

Art. 149  

1 Die Mit­glie­der der Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve wer­den von den Stimm­be­rech­tig­ten nach dem Mehr­heits­wahl­ver­fah­ren in zwei Wahl­gän­gen
di­rekt ge­wählt.

2 Die Ge­mein­de­prä­si­den­tin oder der Ge­mein­de­prä­si­dent, die oder der aus den Mit­glie­dern der Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve aus­ge­wählt wird, wird von den Stimm­be­rech­tig­ten nach dem glei­chen Ver­fah­ren spä­tes­tens einen Mo­nat nach der Wahl der Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve ge­wählt. Ei­ne stil­le Wahl ist zu­läs­sig.

3 Das Ge­setz be­stimmt die Fäl­le und das Ver­fah­ren für die Ab­be­ru­fung von Mit­glie­dern der Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve.

Art. 150  

1 Die Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve ist ei­ne Kol­le­gi­al­be­hör­de. Sie or­ga­ni­siert sich selb­stän­dig.

2 Sie nimmt sämt­li­che kom­mu­na­len Be­fug­nis­se wahr, aus­ge­nom­men die­je­ni­gen, wel­che die Ver­fas­sung oder das Ge­setz der be­ra­ten­den Be­hör­de über­trägt.

3 Die Ge­mein­de­prä­si­den­tin oder der Ge­mein­de­prä­si­dent prä­si­diert die Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve, ko­or­di­niert die Tä­tig­keit von de­ren Mit­glie­dern und be­stimmt über die Ge­mein­de­ver­wal­tung. Das Ge­setz legt ih­re oder sei­ne üb­ri­gen Auf­ga­ben fest.

C. Zusammenschluss von Gemeinden

Art. 151  

1 Der Staat för­dert und be­güns­tigt den Zu­sam­menschluss von Ge­mein­den.

2 Das Ge­setz sieht da­für An­reiz­mass­nah­men ins­be­son­de­re fi­nan­zi­el­ler Art vor.

3 Der Staat er­leich­tert das Ver­fah­ren für den Zu­sam­menschluss; er er­hebt da­für we­der Ab­ga­ben noch Ge­büh­ren.

4 Oh­ne die Zu­stim­mung der Stimm­be­rech­tig­ten der ein­zel­nen be­trof­fe­nen Ge­mein­den darf kein Zu­sam­menschluss er­fol­gen. Die Ab­stim­mun­gen fin­den gleich­zei­tig statt.

5 In Ab­wei­chung von den Ar­ti­keln 144 und 148 kann die Dau­er der Man­da­te der Mit­glie­der des Ge­mein­de­ra­tes und der Exe­ku­ti­ven der be­trof­fe­nen Ge­mein­den oh­ne Wahl­gang bis zum In­kraft­tre­ten ei­ner Ge­mein­de­fu­si­on ver­län­gert wer­den, wenn die­se in­ner­halb von sechs Mo­na­ten nach Be­en­di­gung die­ser Ge­mein­de­man­da­te statt­fin­det.18

18 An­ge­nom­men in der Volks­ab­stim­mung vom 26. Sept. 2010, in Kraft seit 26. Sept. 2010. Ge­währ­leis­tungs­be­schluss vom 6. März 2012 (BBl 2012 3861Art. 1 Ziff. 6, 2011 8041).

Art. 152  

Un­ter den im Ge­setz fest­ge­leg­ten Vor­aus­set­zun­gen kann die be­ra­ten­de Be­hör­de, die Ge­mein­de­exe­ku­ti­ve oder ein Teil der Stimm­be­rech­tig­ten mit ei­ner In­itia­ti­ve den Zu­sam­menschluss mit ei­ner oder meh­re­ren
an­de­ren Ge­mein­den oder ei­ne Än­de­rung des Ge­mein­de­ge­biets be­an­tra­gen.

Art. 153  

Ein Ge­mein­de­ver­band oder ei­ne Ag­glo­me­ra­ti­on kann einen Zu­sam­menschluss der Mit­glieds­ge­mein­den be­an­tra­gen.

Art. 154  

Bei Be­darf und un­ter den vom Ge­setz vor­ge­se­he­nen Vor­aus­set­zun­gen kann der Staat den Stimm­be­rech­tig­ten der ein­zel­nen be­trof­fe­nen Ge­mein­den einen Grund­satzent­scheid über den Zu­sam­menschluss zwei­er oder meh­re­rer Ge­mein­den oder über ei­ne Än­de­rung ih­res Ge­biets un­ter­brei­ten.

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